Je länger ich mit KI-Agenten in meiner täglichen Arbeit entwickle, desto deutlicher wird für mich ein Bild: wir erleben gerade die Industrialisierung unserer Branche. Ich sage das nicht euphorisch, sondern eher mit gemischten Gefühlen, denn ich sehe Vor- und Nachteile in dieser Entwicklung.
Bisher haben wir wie Handwerker gearbeitet. Mit Editor, Compiler und ein paar Hilfsmitteln haben wir jede Zeile selbst geschrieben, jedes Stück von Hand gefeilt. Das verschiebt sich gerade. Wir werden zu Maschinenbediener:innen, die Software in größerem Maßstab produzieren. Und ich glaube nicht, dass das wieder weggeht. Wir werden uns daran anpassen, ob wir wollen oder nicht.
Eine sehr kaputte erste Phase
Wichtig ist mir aber: wir sind noch lange nicht da, wo der Maschinenbau mit seinen CNC-Fräsen und professionellen CAD-Tools heute steht. Aktuell stecken wir in einer sehr kaputten und verwirrenden ersten Phase. Vieles geht schief, Vieles ist unprofessionell, links und rechts funktionieren Dinge nicht. In den letzten Monaten scheint die Software-Qualität von Firmen, die sich mit dem Einsatz von KI in der Entwicklung brüsten, stark abzunehmen. Bestes Beispiel ist hier Windows 11.
Wer heute mit Agenten arbeitet, kennt das Gefühl, dass ein guter Teil der Zeit fürs Aufräumen draufgeht.
Vielleicht ändert sich das in den kommenden Jahren und wir professionalisieren das immer weiter, bis so etwas wie Produktionslinien für Software entstehen. Vielleicht bleibt aber auch mehr Bastelei, als die großen Versprechen heute nahelegen. Die jetzige Phase ist jedenfalls nicht das Endergebnis, sondern erst ein Anfang, und ich würde mich hüten, daraus schon die fertige Zukunft abzuleiten.
Ingenieure und Maschinenbediener
Wenn es in diese Richtung geht, verändern sich auch die Rollen. Softwareentwickler:innen werden eher zu Ingenieur:innen, die den Prozess gestalten und die Software konzipieren, ähnlich wie man heute im CAD-Programm konstruiert, um sie dann entwickeln zu lassen. Die Fachinformatiker:innen werden die Maschinenbediener:innen sein, die mit viel Fachwissen die Maschinen bedienen und voranbringen.
Vielleicht ist die Industrialisierung dafür gar nicht der beste Vergleich. Viel treffender finde ich die CNC-Fräse oder den 3D-Drucker. Früher haben die Menschen mit Feile, Bohrer und Säge selbst Holz oder Metall bearbeitet. Heute macht man am CAD-Programm einen Plan, entwirft und verfeinert ihn, bis er wirklich gut ist, und bringt ihn dann auf die Fräse, die ihn umsetzt. Dafür braucht es fähige Ingenieur:innen und fähige Maschinenbediener:innen. Taugt der Entwurf nichts, produziert man am Ende nur schneller Schrott.
Und trotzdem bleibt der Markt für handgefertigte Möbel und handgemachte Gegenstände bestehen. Die sind wertiger, oft teurer, und sie haben ihre Liebhaber. Das wird es auch weiter geben, als Hobby oder in Manufakturen, für hochwertige Dinge, die sich bewusst vom Massenmarkt absetzen. Man wird Software, in die jemand Gehirnschmalz gesteckt hat, weiter von Massenware unterscheiden können.
Mir ist egal, wie der Drucker druckt
Beim 3D-Drucker ist es das gleiche Prinzip. Ich mache im CAD-Programm einen Plan, wie das Teil aussehen soll. Wie der Slicer genau arbeitet und wie der Drucker im Detail druckt, interessiert mich dabei nicht. Hauptsache, am Ende kommt der Gegenstand heraus, den ich entworfen habe. Klar kann man den Slice optimieren, damit das Ergebnis besser wird. Aber wie die Umsetzung im Inneren abläuft, ist mir egal.
In der Analogie sind der Slicer und der Drucker der Agent, und das eingesetzte Modell ist die Maschine, die meinen Plan in etwas Konkretes übersetzt. Meine Aufgabe ist der gute Entwurf, nicht jeder einzelne Handgriff. So weit die Theorie. Aber in der Praxis muss man heute noch sehr genau hinschauen, ob am Ende wirklich das herauskommt, was man entworfen hat.
Ausblick: das Filament
Bleibt noch das Filament. In der Analogie ist das die Programmiersprache, das Material, aus dem am Ende gebaut wird. Ich vermute, dass es hier in den nächsten Jahren Bewegung geben wird. Man wird Filamente findet, also Sprachen, die besser zum jeweiligen Drucker oder Agenten passen. Heutzutage drucken wir ja auch nicht mehr (nur) mit ABS, sondern viel mehr mit PLA.
Vielleicht sind das dann gar keine Materialien und Sprachen mehr, die wir Menschen gut lesen oder schreiben können, sondern solche, die die Maschine besser verarbeiten kann. Also Programmiersprachen, die für den Agenten optimiert sind, der sie ausführt, und nicht mehr für uns. Das fände ich auf eine Art faszinierend und auf eine andere unheimlich, weil wir uns damit ein Stück weit aus dem unmittelbaren Verständnis dessen herausnehmen, was wir bauen.
Warum ich trotzdem mitmache
Ich bin sehr skeptisch gegenüber der aktuellen, hype-getriebenen Entwicklung rund um LLMs. Ich sehe die negativen Auswirkungen, die KI auf Gesellschaft und Umwelt hat, ganz allgemein und auf die IT im Besonderen. Gleichzeitig erkenne ich an, dass KI und Agenten ein wichtiges Werkzeug sein können, um Entwicklung zu unterstützen. In den richtigen Händen lassen sich damit wirklich gute Ergebnisse erzielen.
Diese Entwicklung muss aus meiner Sicht von kritischer Begleitung flankiert werden. Dafür ist es aber nötig, die Augen nicht zu verschließen, sondern sich auf den Diskurs einzulassen. Mitreden kann man nur über Dinge, mit denen man selbst Erfahrung gesammelt hat. Sonst bleibt jede Kritik leere Rhetorik und kann nicht konstruktiv sein. Genau deshalb experimentiere ich überhaupt mit agentengetriebener Entwicklung. Für mich ist das eine Art Forschungsprojekt, ohne den Anspruch, aktuell jemals produktiv eingesetzt zu werden.
Einen guten weiteren Blickwinkel auf das Für und Wider von KI liefert übrigens die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., Magnifica Humanitas. Auch wenn man nicht religiös ist oder dem christlichen Glauben nichts abgewinnen kann, kann man daraus etwas mitnehmen.
Für mich fühlt sich das aktuell weniger nach einem reinen Hype an und mehr nach einem Wandel, den ich kritisch begleiten will, solange ich noch mitgestalten kann.
Hinweis: Für diesen Beitrag habe ich KI als Formulierungs- und Korrekturhilfe genutzt.